Dort, wo Erinnerung stärker ist als der Krieg — die Geschichte von Adela und Miroslav Milekić
Geschichte lebt nicht nur in Archiven oder alten Büchern. Sie lebt in Familien, in Fotografien, in kurzen handgeschriebenen Sätzen, die einst hinter Stacheldraht entstanden sind. Die Geschichte von Adela Milekić, geborene Frauenhofer, und ihrem Ehemann Miroslav erzählt viel über das 20. Jahrhundert, über Serbien, Europa und die Schicksale unzähliger Familien — und führt nach Oflag VI C Osnabrück, wo Miroslavs Großvater Miloje Milekić am 2. März 1945 ums Leben kam.
Geschichte lebt nicht nur in Archiven oder alten Büchern. Sie lebt in Familien. In Fotografien. In vergilbten Dokumenten. In kurzen handgeschriebenen Sätzen, die einst hinter Stacheldraht entstanden sind und Jahrzehnte später noch immer berühren. Die Geschichte von Adela MILEKIĆ, geborene FRAUENHOFER, und ihrem Ehemann Miroslav erzählt viel über das 20. Jahrhundert, über Serbien, Europa und die Schicksale unzähliger Familien.
Adela, geborene FRAUENHOFER, stammt aus einer donauschwäbischen Familie aus Banatsko Veliko Selo im Banat. Ihre Familiengeschichte steht stellvertretend für viele Familien der Vojvodina, deren Leben durch Krieg, Vertreibung und politische Umbrüche geprägt wurde. Nach 1945 wanderte ein Teil ihrer Verwandtschaft nach Deutschland aus, während ihre Eltern und Großeltern im damaligen Jugoslawien blieben und versuchten, sich unter schwierigen Bedingungen ein neues Leben aufzubauen. Heute leben Adela und Miroslav in der Region Bačka, im Ort Srbobran. Beide blicken auf ein bewegtes Leben zurück und sind bis heute eng mit ihrer Familiengeschichte verbunden. Sie haben zwei Töchter und vier Enkelkinder, die heute in Novi Sad leben. Besonders berührend ist, dass auch die jüngeren Generationen die Geschichte ihrer Familie kennen und verstehen, wie wichtig Erinnerung, Herkunft und familiäre Wurzeln sind.
Auch Miroslav trägt eine außergewöhnliche Familiengeschichte in sich. Die Familie Milekić gehört zu alten serbischen Familien, deren Ursprung nach Überlieferungen in der Alten Herzegowina liegt. Über Piva und die Region Tomino Polje zog ein Teil der Familie später weiter in die Gegend von Tara und Mokra Gora. Über Generationen hinweg waren die Milekići mit Landwirtschaft, Viehzucht, Militärdienst und dem gesellschaftlichen Leben ihrer Heimat verbunden. Eine besondere Rolle spielte dabei Miloje Milekić, einer der frühen serbischen Aviomechaniker während des Ersten Weltkriegs. In einer Zeit, in der die serbische Armee eng mit den französischen Alliierten zusammenarbeitete, gehörte er zu jener Generation technischer Pioniere, die nicht nur Flugzeuge instand hielten, sondern auch zwischen den verschiedenen militärischen Strukturen vermittelten.
Doch die vielleicht bewegendste Geschichte der Familie führt nach Osnabrück. Miroslavs Großvater war königlich-jugoslawischer Offizier und geriet 1941 nach dem deutschen Angriff auf Jugoslawien in Kriegsgefangenschaft. Er wurde in das Lager Oflag VI C Osnabrück gebracht – eines der wichtigsten deutschen Kriegsgefangenenlager für jugoslawische Offiziere. Dort begann ein jahrelanges Leben hinter Stacheldraht. Die Offiziere lebten in einfachen Holzbaracken. Sie schliefen auf Stockbetten mit Strohsäcken, verbrachten ihre Tage zwischen Appellen, wenigen Spaziergängen innerhalb des eingezäunten Lagers und der ständigen Ungewissheit, ob sie ihre Familien jemals wiedersehen würden. Die Nahrung bestand meist aus dünnen Suppen, schwarzem Brot und wenigen Kartoffeln. Für viele wurden Pakete der Familien und des Roten Kreuzes überlebenswichtig.

Besonders bewegend ist eine erhaltene Feldpostkarte aus dem Lager Oflag VI C vom 12. Juli 1941. In wenigen Zeilen schreibt der Großvater an seine Mutter auf Französisch: „Ma chère Maman, Je suis en bonne santé…“ „Meine liebe Mama, ich bin bei guter Gesundheit…“ Diese wenigen Worte wirken schlicht. Doch gerade darin liegt ihre Kraft. Denn alle Briefe und Karten wurden streng zensiert. Die Gefangenen durften nichts über die wirklichen Zustände schreiben. Deshalb wiederholen sich in fast allen Nachrichten dieselben beruhigenden Formulierungen: „Mir geht es gut.“ Hinter diesen kurzen Sätzen verbargen sich jedoch Angst, Hunger, Einsamkeit und die Hoffnung, nicht vergessen zu werden.

Die Karte erzählt zugleich auch eine europäische Familiengeschichte. Miroslavs Großvater war mit der Belgierin Kristina verheiratet, die aus dem französischsprachigen Teil Belgiens – aus der wallonischen Gemeinschaft – stammte. Die Familie war stark von der französischen Sprache und Kultur geprägt. Trotz Krieg, Verlust und der schweren Nachkriegszeit blieb Kristina mit ihren Kindern in Jugoslawien, in Serbien. Dort baute sie ihr Leben weiter auf und blieb bis zu ihrem Tod im Jahr 1956 in Novi Sad. Ihr Sohn wurde französisch als Muttersprache erzogen und trug diese belgisch-französische Prägung sein ganzes Leben in sich. Im Lager versuchten viele Offiziere trotz allem, ihre Würde zu bewahren. Sie organisierten Vorträge über Geschichte, Mathematik oder Sprachen, gründeten kleine Bibliotheken, spielten Schach, schrieben Gedichte oder führten Tagebücher. Es war ein stiller Kampf gegen das Vergessen und gegen den inneren Zusammenbruch.
Doch nicht alle kehrten zurück. Miroslavs Großvater wurde am 2. März 1945 ermordet und auf dem Eversburger Friedhof in Osnabrück beerdigt. Sein Grab erinnert bis heute an das Schicksal jener Männer, die fern ihrer Heimat starben und deren Familien oft jahrzehntelang mit Erinnerungen, Fotos und wenigen Briefen weiterlebten.

Kennengelernt haben sich Adela und Miroslav später während ihres Studiums in Belgrad. Ihre Geschichte spiegelt auf besondere Weise wider, was Serbien und Europa über viele Generationen hinweg ausgemacht haben: das Zusammenleben verschiedener Kulturen, Sprachen und Identitäten. In einer einzigen Familie verbinden sich serbische, donauschwäbisch-deutsche, belgische und französischsprachige Wurzeln. Gerade solche Lebensgeschichten zeigen, dass Europa nicht nur aus Grenzen und Staaten besteht, sondern vor allem aus Menschen, Begegnungen und gemeinsamen Erinnerungen. Besonders bewegend ist auch, dass Miroslav das Buch „Pesme krvi i slobode“ (Lieder von Blut und Freiheit) von Mihailo V. Škekić in den Händen hält – ebenfalls ein ehemaliger Kriegsgefangener und Offizier aus Osnabrück. Dieses seltene Buch wurde von dessen Enkelin Ljubica Avejić aus Belgrad zugesandt. Adela hält das Buch „Wurzeln und Flügel“, in dem die Geschichten ehemaliger Kriegsgefangener und ihrer heutigen Familien erzählt werden.

Gerade solche Begegnungen machen deutlich, warum diese Forschungsarbeit wichtig ist. Nicht wegen Zahlen, Akten oder Daten. Sondern weil hinter jeder Geschichte Menschen stehen. Familien. Erinnerungen. Hoffnung. Dieses Kapitel soll den Familien der ehemaligen Kriegsgefangenen von Osnabrück eine Stimme geben — damit ihre Geschichten nicht vergessen werden und kommende Generationen verstehen, wie wichtig Menschlichkeit, Erinnerung und gegenseitiger Respekt sind. Und vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft: dass Geschichte nicht trennen muss, sondern Menschen verbinden kann — über Generationen, Länder und Sprachen hinweg.
#Roots and Wings #Oflag VI C #family stories