Anna Tomforde und Dr. Željko Dragić vor einer erhaltenen Baracke des ehemaligen Lagers Oflag VI C in Osnabrück

Slobodan Dumanović — Meine zwei Väter

Slobodan Dumanović, Pilot der königlich-jugoslawischen Luftwaffe, war von 1941 bis 1945 Kriegsgefangener im Oflag VI C in Osnabrück. Er wurde am 26. April 1916 in Stanišinci bei Trstenik geboren und starb am 26. März 1948 in Deutschland. Auf dem Friedhof Eversburg befindet sich unter den 105 Grabsteinen auch der seine. Seine Tochter, die Journalistin Anna Tomforde, erzählt die Geschichte ihrer zwei Väter.

Slobodan Dumanović, Pilot der königlich-jugoslawischen Luftwaffe, war von 1941 bis 1945 Kriegsgefangener im Oflag VI C in Osnabrück. Er wurde am 26. April 1916 in Stanišinci bei Trstenik geboren und starb am 26. März 1948 in Deutschland. Auf dem Friedhof Eversburg befindet sich unter den 105 Grabsteinen auch der seine. Seine Tochter Anna erzählt:

Der Grabstein von Slobodan Dumanović (26. April 1916 – 26. März 1948), Nummer 15 unter den 105 Gräbern jugoslawischer Offiziere auf dem Friedhof Eversburg in Osnabrück
Der Grabstein von Slobodan Dumanović (26. April 1916 – 26. März 1948), Nummer 15 unter den 105 Gräbern jugoslawischer Offiziere auf dem Friedhof Eversburg in Osnabrück

„Menschliche Schicksale und Geschichten, die aus Konflikten und Zerstörung entstehen, können zugleich Warnung und Hoffnung sein. Der Zweite Weltkrieg hat Millionen Menschen in Europa mehr als jeder Krieg zuvor aus der Bahn geworfen und ihnen unermessliches Leid zugefügt. Leiden, Tod und der Verlust geliebter Menschen dominieren die Betrachtungen dieser zerstörerischen Ereignisse. Und dennoch gibt es Momente menschlichen Glücks. An dem kalten Wintertag meiner Geburt, dem 10. November 1946, gab es in den schwierigen Nachkriegszeiten vermutlich nur wenig Anlass zur Freude. Man erzählte mir, dass meine Mutter Gesine in jener Woche Tränen vergoss – ob aus Freude oder Trauer, werde ich niemals erfahren. Das war verständlich, denn seit Monaten hatte sie den Vater ihres Babys nicht gesehen – den serbischen Luftwaffenoffizier Slobodan Dumanović, der vermutlich nicht einmal wusste, dass ich geboren worden war. Ihr deutscher Ehemann Friedrich, mit dem sie seit 1937 verheiratet war und zwei Söhne im Alter von sechs und drei Jahren hatte, befand sich nach seinem Dienst in der Kriegsmarine in britischer Kriegsgefangenschaft. Aus der Korrespondenz meiner Eltern geht hervor, dass Gesine intensiv nach dem Aufenthaltsort ihres Mannes und dem Zeitpunkt seiner Rückkehr suchte. Offenbar hatte sie ihm etwas sehr Wichtiges mitzuteilen.

Ebenso muss ich davon ausgehen, dass Slobodan weder von der Schwangerschaft meiner Mutter noch von meiner Existenz wusste. Nach Kriegsende kam er mit der britischen Armee nach Norddeutschland in die Gegend von Stade und wurde ab Februar 1946 in unserer Wohnung im kleinen Ort Bützfleth einquartiert. Im Juli wurde er nach einer kurzen, aber nach Aussage meiner Mutter sehr emotionalen Romanze versetzt. Während mein deutscher Vater mich sofort als sein eigenes Kind annahm, muss ich mich damit abfinden, dass Slobodan niemals erfahren hat, dass ich existierte. Nach Unterlagen der britischen Armee starb er 1948 nach einer Operation im Alter von nur 31 Jahren. Andere Quellen nennen Tuberkulose als Todesursache. Wieder andere, nicht überprüfte Quellen sprechen von einem Motorradunfall. Sein Grabstein trägt die Nummer 15 unter den insgesamt 105 Gräbern auf dem Friedhof Eversburg in Osnabrück. Schon seit meiner Kindheit beschäftigte mich die Geschichte meiner ‚zwei Väter'. Für meine Mutter ebenso wie für ihren Ehemann, der als Direktor der örtlichen Sparkasse eine bekannte Persönlichkeit war, waren die schwierigen Nachkriegsjahre nicht einfach. Ich spürte Spannungen zwischen meinen Eltern, in der Familie, in der Schule und in der Dorfgemeinschaft. Je älter ich wurde, desto mehr fühlte ich mich anders – äußerlich und innerlich. Ich spürte, dass es Fragen gab, auf die ich keine Antworten hatte.

Einmal kam ein Ehepaar zu Besuch. Als sie mich sahen, riefen sie aus: ‚Sie sieht ja ganz anders aus als ihr!' Ich wurde rot und war verunsichert. Meine Eltern schwiegen. Als ich etwa sieben Jahre alt war und mit anderen Kindern auf der Straße spielte, rief eine vorbeifahrende Frau auf dem Fahrrad: ‚Mit ihr dürft ihr nicht spielen, ihr Vater ist ein Slawe.' Ich fragte mich, was das bedeutete und was sie damit meinte. In der Schule war ich erfolgreich, und das Leben ging weiter. Das Verhältnis zu meinem älteren Bruder war gut, wenn auch nie besonders eng. Mein anderer Bruder war bereits im Alter von acht Jahren gestorben. Obwohl mich Liebe und gute Beziehungen mit meinem Vater Friedrich verbanden, machte mir seine Familie deutlich, dass ich mit meinen braunen Augen und dunklen Locken nicht vollständig zu ihnen gehörte. Sie verachteten meine Mutter und bezeichneten sie oft als ‚Hure' oder ‚Verräterin'. Als ich etwa 18 Jahre alt war, fragte ich meine Mutter nach meinem anderen Aussehen. Niemals erwähnte sie ihre Beziehung zu Slobodan. Erst auf ihrem Sterbebett gestand sie mir, dass sie ihn geliebt hatte. Als Antwort auf meine Fragen drückte sie mir lediglich einen Zettel mit dem Namen ‚Dumanović' in die Hand.

Inzwischen hatte ich nach einem Aufenthalt in England und einem Sprachstudium meine berufliche Laufbahn begonnen. Ich traf Menschen, die meine Geschichte faszinierte, statt sie zu deprimieren. Durch Kontakte zu britischen Diplomaten und zur britischen Armee in Deutschland gelang es mir Ende der 1970er Jahre, mehr über Slobodan herauszufinden. Er war als königstreuer Offizier in Deutschland geblieben und hatte seine letzte Ruhe in Osnabrück gefunden. Nun wollte ich seine Familie im ehemaligen Jugoslawien finden. Dabei hatte ich großes Glück. Im Rahmen meiner Arbeit lernte ich den Journalisten Aleksandar Lebl kennen, der eine Zeit lang für die Financial Times in Belgrad gearbeitet hatte. Mithilfe des Telefonbuchs fand er eine Spur der Familie Dumanović. Nach längerer Recherche stieß er auf den ältesten von drei Brüdern, Miloš Dumanović, der in der Nähe von Aleksandrovac, etwa 150 Kilometer südlich von Belgrad, lebte. Er hatte drei wunderbare Töchter, meine Cousinen, die ich während meiner Reise im September 1978 kennenlernte. Sie waren alle ungefähr in meinem Alter und hervorragend ausgebildet – von der Modedesignerin bis zur Ingenieurin. Auf Miloš' Bauernhof feierten wir voller Freude unser lang ersehntes Wiedersehen. Für Miloš, seine Frau und seine Töchter war ich die Verbindung zu ihrem ‚verlorenen' Bruder und Onkel Slobodan. Unsere Kontakte bestehen bis heute.

Von ihnen erfuhr ich, dass Slobodan drei Brüder und eine Schwester hatte. Außerdem erfuhr ich, dass sein Bruder Zvezdan als Reserveoffizier gemeinsam mit ihm im Oflag VI C interniert gewesen war. Zvezdan kehrte nach Jugoslawien zurück, starb jedoch 1947 an Tuberkulose. Ich erfuhr auch, dass die Brüder nach dem Krieg häufig darüber stritten, ob es sinnvoll und sicher sei, in Titos Jugoslawien zurückzukehren. Laut Zvezdan war Slobodan bis zuletzt unentschlossen. Die Familie erzählte, dass Slobodan nie etwas anderes werden wollte als Militärpilot. Nach vier Jahren Grundschule und vier Jahren Gymnasium schickte ihn sein Vater im Alter von 15 Jahren auf die Königliche Militärakademie in Belgrad. Nach fünf Jahren schloss er sie als Leutnant der Luftwaffe ab, kurz vor Kriegsbeginn. Bald darauf geriet er in Gefangenschaft und gelangte über Nürnberg und Hammelburg nach Osnabrück. Nachdem er nach dem Krieg in Deutschland geblieben war, wurde Slobodan Offizier der britischen Armee und traf meine Mutter. So erhielt die Geschichte meiner ‚zwei Väter' für mich, davon bin ich überzeugt, ein glückliches Ende.“

So schildert es die Tochter des jugoslawischen Offiziers, die heute den Namen ihres Ehemannes trägt: Anna Tomforde. Anna Tomforde wurde 1946 in Deutschland geboren. Sie ist mit einem Engländer verheiratet und lebt heute in London. Sie hat eine Tochter, die ebenso wie ihre Eltern Journalistin geworden ist. Anna begann ihre Karriere 1970 bei der Nachrichtenagentur Reuters. Später arbeitete sie für die BBC sowie als Korrespondentin für den Guardian. Bereits im Alter von 20 Jahren schloss sie ihr Studium in London ab und arbeitete anschließend als Korrespondentin der deutschen Nachrichtenagentur dpa (Deutsche Presse-Agentur). Aufgezeichnet von Dr. Željko Dragić, Osnabrück, im August 2021.

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