Zwischen Lagern und deutschen Dörfern – das Schicksal jugoslawischer königlicher Offiziere
Auf dem Familienfoto der serbischen Familie Muzikravić aus dem Jahr 1938 sehen wir stehend Radonja Muzikravić, den ältesten Sohn, gemeinsam mit seiner Ehefrau Milka. Sitzend sind Blagomir Muzikravić (1912–1998), Mileva Muzikravić und Marko Muzikravić (1914–1945) zu sehen. Blagomir Muzikravić war später als jugoslawischer königlicher Offizier in deutscher Kriegsgefangenschaft im Oflag VI C in Osnabrück.
Als ich im Juni 2021 die erste Ausgabe meines Buches Das Wunder von Osnabrück veröffentlichte, konnte ich nicht ahnen, welche starke Resonanz die Geschichten jugoslawischer königlicher Offiziere auslösen würden, die während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Bereits wenige Wochen später erreichten mich Briefe, Fotografien, Familiendokumente und Zeugnisse von Nachkommen aus Serbien, Deutschland, den Vereinigten Staaten, Kanada und Israel. Gerade wegen dieses großen Interesses und zahlreicher neuer Erkenntnisse erschien noch im Dezember desselben Jahres eine deutlich erweiterte zweite Ausgabe des Buches.
Damals wurde mir etwas bewusst, das ich bis heute in Gesprächen mit Nachkommen ehemaliger Kriegsgefangener spüre: Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Jemandes Sohn. Jemandes Bruder. Jemandes Ehemann. Jemandes Vater. Deshalb ist dies nicht nur eine Geschichte über den Krieg. Es ist eine Geschichte über menschliche Schicksale.
Nach der Kapitulation des Königreichs Jugoslawien im April 1941 befanden sich insgesamt 181.258 jugoslawische Kriegsgefangene in deutscher Gefangenschaft. Nach Angaben des Historikers Mile Bjelajac befanden sich darunter 13.559 Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten. Nach meinen bisherigen Forschungen durchliefen etwa 6.500 jugoslawische königliche Offiziere das Lager Oflag VI C bei Osnabrück, unter ihnen auch 648 Offiziere jüdischen Glaubens – Menschen, die damals häufig als „Serben mosaischen Glaubens“ bezeichnet wurden.
Wertvolle Informationen erhielt ich in den vergangenen Jahren von vielen verschiedenen Menschen. Unter ihnen befand sich auch Professor Dr. Ljubomir Muzikravić aus Novi Sad, pensionierter Onkologe, dessen Vater, Leutnant Blagoimir Muzikravić, einen Teil seiner Kriegsgefangenschaft im Oflag VI C in Osnabrück verbrachte.
Im Laufe meiner Forschungen über die Schicksale jugoslawischer königlicher Offiziere wurde mir immer deutlicher, wie kompliziert ihre Kriegswege tatsächlich waren. Viele von ihnen blieben während des Krieges nicht nur in einem einzigen Lager. Gefangene wurden häufig von Lager zu Lager verlegt – abhängig von der Kriegslage, den Frontverläufen und den Bedürfnissen der deutschen Wehrmacht. Genau deshalb vermischen sich heute, mehr als acht Jahrzehnte später, in den Familienerinnerungen oft die Namen verschiedener Städte, Lager und Zeitabschnitte der Gefangenschaft.
So verhält es sich auch in den Erinnerungen der Familie von Leutnant Blagoimir Muzikravić, dem Kommandanten der Garnison in Pakrac, der im April 1941 während der Kämpfe an der Una gefangen genommen wurde. Den Familienerinnerungen zufolge verbrachte er einen Teil seiner Gefangenschaft im Oflag VI C in Osnabrück, später wurde er jedoch in andere Lager innerhalb Deutschlands verlegt. Sein Sohn erinnerte sich an die Erzählungen seines Vaters über Osnabrück und Nürnberg, aber auch an die Erinnerungen an die Befreiung durch die Rote Armee.
Historisch betrachtet wurde Osnabrück im April 1945 von britischen Einheiten befreit. Allerdings wurden in den letzten Kriegsmonaten viele Gefangene in Richtung Ostdeutschland verlegt – in Gebiete, die später von sowjetischen Truppen besetzt wurden. Deshalb existieren in zahlreichen Familienerinnerungen Berichte darüber, dass viele jugoslawische Offiziere von sowjetischen Soldaten befreit und kurz darauf in die Heimat transportiert wurden.
Die Mehrheit jener, die von westlichen Alliierten befreit wurden, blieb hingegen im Westen. Ljubomir erinnerte sich daran, dass sein Vater noch lange nach dem Krieg mit mehreren ehemaligen Kameraden korrespondierte. Die Briefe kamen aus Frankreich, den Vereinigten Staaten und Australien jene dünnen „Luftpostbriefe“, die damals typisch waren.
Aus den Familienberichten erfahren wir auch, dass Leutnant Blagoimir Muzikravić erzählte, manche deutschen Lageroffiziere hätten sich gegenüber den jugoslawischen Offizieren korrekt verhalten. In einem Lager, dessen Namen sich sein Sohn später nicht mehr genau erinnern konnte, entschuldigte sich der Kommandant sogar öffentlich bei den gefangenen Offizieren für die schlechten Unterbringungs- und Ernährungsbedingungen und sprach sie ausdrücklich als seine Kollegen an. Im Lager gab es eine Bibliothek, und gelegentlich erschienen sogar Lagerzeitungen kleine Versuche, mitten im Krieg ein Stück Würde zu bewahren.
Besonders erschütternd sind die Berichte über die wiederholten angloamerikanischen Bombardierungen von Kriegsgefangenenlagern. Bei einem dieser Angriffe durchschlug eine nicht explodierte Bombe das Dach einer Baracke und tötete einen Gefangenen, der im oberen Bett lag. Das Bett von Leutnant Muzikravić wurde lediglich seitlich getroffen; der Rahmen wurde beschädigt, doch er überlebte. Das Schicksal entschied anders.
Gleichzeitig hatten viele jugoslawische Offiziere, die während des Krieges in deutschen Dörfern rund um Osnabrück, die Grafschaft Bentheim und das Emsland arbeiteten, ein völlig anderes Schicksal. Die deutschen Dörfer waren damals nahezu ohne Männer. Ehemänner und Väter befanden sich an der Front, in Gefangenschaft oder waren bereits gefallen. Auf den Höfen blieben Frauen, alte Menschen und Kinder zurück. Jemand musste das Vieh versorgen. Jemand musste die Felder bestellen. Jemand musste Heu einfahren und Holz hacken.
So wurden viele jugoslawische Offiziere Teil des Alltags deutscher Dörfer.
Ljubomir erinnerte sich daran, dass sein Vater erzählte, viele Offiziere – besonders jene aus bäuerlichen Familien – hätten lieber auf Bauernhöfen gearbeitet als im Lager zu bleiben. Doch ihm selbst und vielen seiner Kameraden wurde dies nicht erlaubt. Der Lagerkommandant lehnte ihre Bitte mit der Begründung ab, dies widerspreche der Genfer Konvention.
Gleichzeitig erinnerte sich Ljubomir an Geschichten aus dem Heimatdorf seines Vaters, Bečanj bei Mrčajevci, über jene Männer, denen dies tatsächlich erlaubt wurde. Einige kehrten nach dem Krieg nach Serbien zurück und modernisierten ihre Bauernhöfe nach deutschem Vorbild. Heu wurde nicht mehr in großen offenen Stapeln gelagert, sondern in besonderen Gebäuden – so wie sie es in Deutschland gesehen hatten.
Manche kamen erst Jahrzehnte später aus Deutschland in ihre Heimatdörfer zurück und gestanden ihren Familien erst dann, dass sie nicht aus Angst vor dem Kommunismus in Deutschland geblieben waren, sondern weil sie auf den Höfen, auf denen sie während des Krieges gearbeitet hatten, ein neues Leben begonnen hatten. Ljubomir erinnerte sich an die Geschichte eines Rückkehrers, der ein Foto seiner erwachsenen Tochter aus Deutschland mitbrachte von deren Existenz zuvor niemand gewusst hatte.
Gerade diese Geschichten zeigen, wie komplex das Leben im Krieg tatsächlich war.
Einen besonderen Platz in meinen Forschungen nehmen die Menschen ein, die ich persönlich kennenlernen durfte. Diese Begegnungen waren oft zutiefst emotional. Mehr als einmal habe ich erlebt, dass ein Mensch, der ruhig und stark wirkte, plötzlich in Tränen ausbrach, während er über seinen Vater sprach.
Er weinte nicht wegen der Geschichte.
Er weinte wegen eines Menschen.
Im August 2021 lernte ich Anna Tomforde kennen. Ihr Vater, Slobodan Dumanović, war ein jugoslawischer königlicher Offizier, der während des Krieges bei einer deutschen Familie im Raum Osnabrück arbeitete. Dort lernte er Annas Mutter kennen. Doch seine Tochter lernte er niemals kennen.
Nach dem Krieg blieb Slobodan Dumanović als Offizier der britischen Armee in Deutschland. Den Aussagen der Familie zufolge dachte er lange darüber nach, nach Jugoslawien zurückzukehren. Im Jahr 1947 starb er an Tuberkulose und wurde auf dem Friedhof Eversburg in Osnabrück beigesetzt.
Während meines Gesprächs mit Anna Tomforde war spürbar, wie lebendig diese Wunde bis heute geblieben ist. Sie sprach über einen Menschen, den sie niemals kennenlernen durfte, den sie jedoch ihr ganzes Leben lang in Fotografien, Dokumenten und Familiengeschichten gesucht hatte.
Ähnlich war es bei Peter Seliger. Erst später in seinem Leben erfuhr er, dass sein biologischer Vater ein serbischer Offizier namens Ljubomir gewesen war, der während des Krieges bei einer deutschen Familie gearbeitet hatte. Während unseres Gesprächs hielt Peter plötzlich inne und sagte leise:
„Ich bin kein Mensch, der in der Vergangenheit lebt … aber ich möchte wissen, wer mein Vater war.“ In solchen Momenten versteht man, dass dies weit mehr ist als historische Forschung. Es sind menschliche Schicksale. Besonders bewegend ist auch die Geschichte von Günter Hassemann. In dem Text „Der Vorleser spielt Akkordeon und liest Kindern aus der Bilderbibel vor“ wird beschrieben, wie ein jugoslawischer Offizier seiner Familie während des Krieges half. Dieser Offizier war nicht nur ein Arbeiter auf dem Hof. Er spielte Akkordeon, las den Kindern Geschichten aus der Bibel vor und wurde mit der Zeit Teil der Familie. Während Europa im Krieg brannte, las ein serbischer Offizier in einem deutschen Haus Kindern aus einer Bilderbibel vor. Als ich mit Günter Hassemann sprach, war deutlich zu spüren, wie viel ihm diese Erinnerungen noch immer bedeuten. Für ihn war dieser Mann kein Feind, sondern ein Mensch, der in einer Zeit voller Angst und Krieg Güte und Menschlichkeit zeigte. Gerade wegen solcher Geschichten dauert die Forschung bis heute an. Im Laufe der Jahre meldeten sich Nachkommen aus der ganzen Welt bei mir. Jemand schickt ein Foto seines Großvaters in Offiziersuniform. Jemand ein altes Schreiben aus Osnabrück. Jemand spricht zum ersten Mal über seinen Vater.
Im Sommer 2025 erschien in Osnabrück und Chicago das Buch Wurzeln und Flügel. Dieses Buch hätte ohne die Hilfe der Nachkommen jugoslawischer Offiziere nicht entstehen können. Sie öffneten mir ihre Familienarchive und teilten mit mir ihre persönlichsten Familiengeschichten. Doch die Forschung ist nicht beendet. Immer noch melden sich neue Menschen. Neue Nachkommen. Neue Fotografien. Neue Erinnerungen. Und in Osnabrück steht bis heute die letzte erhaltene Baracke des ehemaligen Lagers Oflag VI C – die Baracke 35. Als stummer Zeuge einer Zeit, in der Tausende jugoslawischer königlicher Offiziere zwischen Lagern und deutschen Dörfern lebten, zwischen Arbeit und Trauer, zwischen Krieg und Menschlichkeit.
Dr. Željko Dragić 10.05.2026
