Vom Lagerrabbiner zum Vertreter des Jüdischen Weltkongresses
Rabbi Hermann Helfgott, später unter dem Namen Zvi Asaria bekannt, gehört zu den bekanntesten Kriegsgefangenen des Offizierslagers Oflag VI C in Osnabrück-Eversheide. Sein vielseitiges Wirken nach dem Zweiten Weltkrieg prägte das deutsch-jüdische Leben, die Verständigung zwischen Christen und Juden sowie die deutsch-israelischen Beziehungen nachhaltig. Helfgott verfasste historische, autobiografische und theologische Schriften. In seinen Erinnerungen „Wir sind Zeugen“ („We Are Witnesses“), die 1975 auf Deutsch erschienen und auf seinen Kriegstagebüchern basieren, schildert er eindrucksvoll das Leben als Kriegsgefangener. Mehr als zwei Jahre war er im Kriegsgefangenenlager Oflag VI C in Osnabrück interniert. Hermann Helfgott / Zvi Asaria * Geboren 1913 in Beodra/Beudra (heute Novo Miloševo) als Hermann Helfgott, Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer. Sein Vater Kalman Helfgott wurde 1910/1911 aus Warschau nach Beodra umgesiedelt. 1912 folgten seine Mutter Rosa sowie die Schwestern Sama und Sara. 1915 wurde sein Bruder Avram geboren. Kalman Helfgott arbeitete als Lehrer, Kantor und Schächter und handelte zudem mit Gänsefedern. * Von 1932 bis 1934 studierte Helfgott Theologie in Sarajevo, anschließend bis 1938 Geschichte und Judaistik in Vienna. Nach dem „Anschluss“ Österreichs floh er nach Budapest, wo er sein Rabbiner- und Philosophiestudium abschloss. * Rabbiner in Veliki Bečkerek (heute Zrenjanin). * Leiter jüdischer Gottesdienste in deutscher und serbischer Sprache. Kurz vor Kriegsbeginn wurde er als Militärgeistlicher mit dem Rang eines Hauptmanns der königlich-jugoslawischen Armee nach Skopje und später nach Štip versetzt. * Kurz nach Beginn des Krieges 1941 geriet Helfgott in deutsche Kriegsgefangenschaft. Über Mazedonien und Bulgarien wurde er zunächst nach Rumänien deportiert und anschließend in Viehwaggons über Ungarn in das Oflag XIII B bei Nürnberg transportiert. Ein Jahr später erfolgte seine Verlegung in das Oflag VI C nach Osnabrück, wo er zwei Jahre und drei Monate interniert blieb. Odyssee durch Deutschland Im August 1944 wurden 400 jüdische Kriegsgefangene aus dem Lager in die Festung Bismarck bei Straßburg deportiert. Zwei Wochen später erfolgte die Verlegung in das Kriegsgefangenenlager Groß Born/Barkenbrügge in Pommern (heute Polen). Im Januar 1945 begann ein 400 Kilometer langer Marsch nach Meyenburg in Brandenburg. Im März 1945 führte der Transport erneut über Osnabrück in das Emslandlager Alexisdorf. Wenige Tage später mussten die Gefangenen erneut marschieren – diesmal Richtung Nienburg/Weser. In der Nähe von Hodenhagen gelang einer kleinen Gruppe die Flucht. Dort erfolgte schließlich die Befreiung. Nach der Befreiung 1945 suchte Helfgott nach seiner Befreiung durch britische Truppen im Lager Bergen-Belsen nach Angehörigen. Dort blieb er zunächst und organisierte das religiöse und kulturelle Leben der jüdischen Displaced Persons. * August 1945: Gemeinsam mit Rabbiner Wilenski Einweihung der provisorischen Synagoge in der ehemaligen jüdischen Schule in der Rolandstraße in Osnabrück. * Februar 1947: Ernennung zum Vertreter des Jüdischen Weltkongresses in London für Bildungs-, Kultur- und Religionsfragen. * Juli 1947: Ernennung zum Oberrabbiner der britischen Besatzungszone. * 1948–1953 Aufenthalt in Israel. Als Unterstützer des bewaffneten Zionismus kämpfte er 1948 als Major im Palästinakrieg. Mit der israelischen Staatsbürgerschaft nahm er den Namen Zvi Asaria an. * 1953 Rückkehr nach Deutschland als Leiter der Kulturabteilung der israelischen Mission. Gleichzeitig Gemeinderabbiner in Köln bis 1962. FOTO 3 Bei der Einweihung der Kölner Synagoge 1959 mit Bundeskanzler Konrad Adenauer Foto: Archiv Yad Vashem * Ab etwa 1965 lebte Asaria abwechselnd in Israel und Niedersachsen. Von 1966 bis 1970 war er Landesrabbiner von Niedersachsen. In dieser Funktion nahm er 1969 an der Einweihung der Synagoge in Osnabrück-Weststadt teil und verfasste die dazugehörige Gedenkschrift. * Nach 1970 kehrte Helfgott endgültig nach Israel zurück, unterrichtete jedoch weiterhin gelegentlich an deutschen Universitäten. Am 22. Mai 2002 starb er in Savyon, Israel. Sein Nachlass befindet sich im Archiv von Yad Vashem in Jerusalem. Aus Hermann Helfgotts Erinnerungen „Wir sind Zeugen“ Am 14. Mai 1942 traf Helfgott mit seinen Mitgefangenen im Oflag VI C ein: „Die Gefangenen stiegen an einem kleinen Bahnhof aus. Das Schild verriet ihnen, dass sie in Eversheide angekommen waren – einem kleinen Ort bei Osnabrück.“ Die jüdischen Gefangenen wurden in den Baracken 33 und 34 untergebracht. Insgesamt befanden sich etwa 400 jüdische Offiziere im Lager. Im Vergleich zu Nürnberg beschrieb Helfgott die Bedingungen als „menschlicher“: zwanzig Männer pro Zimmer und eine Toilette pro Baracke. Dennoch war die Verpflegung schlecht. Die Gefangenen organisierten Sprachkurse, wissenschaftliche Vorträge und sogar eine „Volkshochschule“. Helfgott gelang es, einen Gebetsraum einzurichten und religiöse Gottesdienste für die jüdischen Offiziere zu organisieren. Er durfte sogar Beerdigungen auf dem jüdischen Friedhof der Stadt durchführen. Politische Spannungen im Lager Im Lager existierten unterschiedliche politische Gruppen: Royalisten, Nationalisten, Kommunisten, Zionisten und Trotzkisten. Nach einer Wahl zugunsten eines progressiven Kandidaten erschienen plötzlich Schilder mit der Aufschrift „Für Juden verboten“, und der Gebetsraum wurde zerstört. Die Verantwortlichen wurden nie gefunden. Trotz aller Spannungen gelang es den Gefangenen, heimlich internationale Nachrichten über ein selbstgebautes Radio zu empfangen. Die Informationen wurden heimlich im gesamten Lager weitergegeben. Rettung der Tagebücher Bei der Deportation jüdischer Gefangener im August 1944 gelang es Helfgott, seine Tagebücher zu retten. Mit Hilfe gefälschter Lagerstempel konnte er die Aufzeichnungen als Predigten tarnen. Ein deutscher Wachmann warf sie zunächst weg, ein anderer gab sie ihm heimlich zurück. Stimmen von Nachkommen und Zeitzeugen Nada Blam Im Gespräch mit Dr. Željko Dragić berichtete Nada Blam, Tochter des bekannten serbischen Jazzmusikers Rafael Blam, von der engen Freundschaft zwischen ihrem Vater und Hermann Helfgott. Beide kannten sich aus den Lagern Nürnberg, Osnabrück und Barkenbrügge und blieben bis ins hohe Alter verbunden. Aleksandar Nećak Aleksandar Nećak erklärte, Helfgott sei im Lager eine moralische Autorität gewesen – nicht nur Rabbiner, sondern auch Psychologe und „großer Bruder“ für viele Gefangene. Dragan Rauški Der Historiker Dragan Rauški erinnerte daran, dass die Familie Helfgott direkte Nachbarn seiner Familie in Beodra gewesen sei. Laut Rauški wurden große Teile der Familie Helfgott in Auschwitz und im Konzentrationslager Jasenovac concentration camp ermordet. Helfgott habe später den Wunsch geäußert, dass das ehemalige Lager in Osnabrück eines Tages ein Museum werden solle. Langenhagen, 15.02.2021 Dr. Željko Dragić





