Vojislav Bumbaširević und Jean Lambert in Chicago, 1974

Vojislav Bumbaširević, Jean Lambert und Osnabrück als Ort der Erinnerung

In jeder Forschung gibt es Momente, in denen Geschichte aufhört, nur eine Sammlung von Daten und Dokumenten zu sein, und ein Mensch erscheint — mit seiner Stimme, seinem Schicksal, seiner Angst, seinem Glauben, seiner Hoffnung und seiner Würde. Ein solcher Moment war für mich die Begegnung mit dem Buch April 1941, dem Zeugnis von Vojislav V. Bumbaširević, königlich-jugoslawischer Offizier, Intellektueller, Künstler und Kriegsgefangener des Oflag VI C Osnabrück, das sein Neffe Jean Lambert für kommende Generationen bewahrt hat.

In jeder Forschung gibt es Momente, in denen Geschichte aufhört, nur eine Ansammlung von Daten, Dokumenten und Archivsignaturen zu sein. Dann erscheint vor dem Forscher ein Mensch — mit seiner Stimme, seinem Schicksal, seiner Angst, seinem Glauben, seiner Hoffnung und seiner Würde. Ein solcher Moment war für mich die Begegnung mit dem Buch April 1941, dem Zeugnis von Vojislav V. Bumbaširević, einem königlich-jugoslawischen Offizier, Intellektuellen, Künstler und Kriegsgefangenen, dessen Lebensweg von Kruševac, Belgrad und dem Jugoslawien der Kriegszeit bis ins ferne Chicago führte. Das Buch erhielt ich von seinem Neffen, Jean Lambert, der heute in Kanada lebt. Diese Tatsache war für mich nie ein bloßes bibliografisches Detail. Von Anfang an hatte sie eine zutiefst persönliche Bedeutung. Jean Lambert war kein zufälliger Bewahrer eines Manuskripts, sondern ein Mensch, der seinen Onkel gut kannte, der ihm nahestand und der dessen Geschichte über Jahre in sich trug. Auch sein eigener Lebensweg war von Wanderungen, Städten und Kontinenten geprägt: Als junger Mann lebte er in Belgrad, ging später von Belgrad nach Chicago, und schließlich führte ihn das Leben nach Kanada. Gerade deshalb war sein Zeugnis für mich mehr als eine vermittelte Familienerinnerung: In ihm verbanden sich Belgrad, Chicago, Kanada und Osnabrück — die Stadt, in der das Schicksal seines Onkels Teil einer größeren Geschichte der jugoslawischen Offiziere in deutscher Kriegsgefangenschaft wurde.

Vojislav V. Bumbaširević wurde 1910 in Kruševac geboren und starb 1974 in Chicago. Sein Buch April 1941 entstand nicht als klassische historische Studie, sondern als persönliches Zeugnis eines Mannes, der an den historischen Ereignissen teilnahm. Es ist die Geschichte eines Menschen, der am 6. April 1941 — in dem Moment, als die Bomben auf Belgrad fielen — als Reserveoffizier der Königsgarde mobilisiert wurde. Dieser Tag, der für Millionen Menschen den Lauf des Lebens veränderte, markierte auch den Beginn seines langen Kriegsweges: vom Zusammenbruch des Königreichs Jugoslawien über die Gefangenschaft in Deutschland bis zu den Jahren im Lager Oflag VI C in Osnabrück. Das Buch entstand auf der Grundlage von Tonaufnahmen, die Bumbaširević Anfang der siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts machte. Diese Aufnahmen waren keine kalte Erzählung der Vergangenheit, sondern der Versuch, nach vielen Jahrzehnten zu bewahren, was erlebt, gesehen und erinnert worden war. Jean Lambert übernahm diese Aufnahmen, transkribierte, ordnete, übersetzte, ergänzte, erforschte und edierte sie. Er wurde im besten Sinne des Wortes zu einer Brücke zwischen der Stimme seines Onkels und künftigen Lesern. Ohne seine Arbeit, seine Geduld und seine familiäre Hingabe wären viele Erinnerungen von Vojislav Bumbaširević wohl verstreut auf Kassetten, in Notizen und Familienandenken geblieben.

Für meine Forschung sind die Teile des Buches, die sich auf Osnabrück und das Lager Oflag VI C Osnabrück-Eversheide beziehen, von besonderer Bedeutung. Dieses Lager war nicht bloß einer von vielen Orten des deutschen Kriegsgefangenensystems. Es war einer der zentralen Orte des Leidens, des Lebens und der Erinnerung der königlich-jugoslawischen Offiziere im Zweiten Weltkrieg. Dort waren Offiziere unterschiedlicher Herkunft, politischer Überzeugungen, Konfessionen und Lebenswege inhaftiert. Unter ihnen waren viele Serben, aber auch eine bedeutende Zahl von Offizieren jüdischer Herkunft. Gerade diese Tatsache gibt diesem Lager einen besonderen Platz in der Geschichte des serbischen, jugoslawischen, jüdischen und deutschen Gedenkens. Das Oflag VI C in Osnabrück war ein Ort erzwungener Gefangenschaft, aber auch ein Ort, an dem die gefangenen Offiziere versuchten, ihre menschliche Würde zu bewahren. Unter Bedingungen eingeschränkter Freiheit, der Ungewissheit, des Mangels und der ständigen Trennung von ihren Familien organisierten sie ein kulturelles, religiöses, bildendes und künstlerisches Leben. Sie lasen, lernten, diskutierten, schrieben, malten, organisierten Theateraufführungen, Konzerte und Vorträge. Im Lager gab es Bibliotheken, Arbeitskreise, Gespräche und innere Gemeinschaften. Dieses Leben war nicht idyllisch, denn es gab politische Spaltungen, ideologische Spannungen und persönliche Dramen. Aber gerade darin liegt die historische Wahrhaftigkeit dieses Ortes: Das Lager war keine abstrakte Masse von Gefangenen, sondern eine lebendige Gemeinschaft von Menschen mit all ihren Tugenden, Schwächen, Spaltungen und Hoffnungen.

In einem seiner Briefe aus der Gefangenschaft schreibt Bumbaširević aus Osnabrück an seine Schwester. Aus diesem Brief spricht der Wunsch, der Familie Trost zu senden, zu zeigen, dass er noch lebt, dass er an seine Angehörigen denkt und versucht, gefasst zu bleiben. Er erwähnt, dass er liest, dass er malt und dass im Lager Aufführungen und sogar Filmvorführungen organisiert werden. Diese Details sind kostbar, weil sie zeigen, was in großen historischen Überblicken oft verloren geht: In der Gefangenschaft lebten die Menschen nicht nur als Nummern, sondern als Persönlichkeiten, die ihre innere Freiheit zu verteidigen suchten. Bumbaširevićs Geschichte trägt auch die Spur des Belgrad in sich, das 1941 verloren ging. In den einleitenden Teilen des Buches spürt man eine Welt am Vorabend der Katastrophe: die Stadt, die Straßenbahn, die Mobilmachung, die Königsgarde, das intellektuelle Leben, die Malerei, die Bücher, die Familie und das Zuhause. Diese Welt wurde in wenigen Tagen zerstört. Für Bumbaširević war der April 1941 nicht nur eine militärische Niederlage, sondern der Bruch eines Lebens. Er sah sein Land nie wieder so, wie er es verlassen hatte, weder sein Zuhause noch seine Bilder, seine Angehörigen und sein früheres Leben. Gerade deshalb ist das Buch April 1941 nicht nur ein militärisches Zeugnis, sondern auch die Geschichte der verlorenen Welt einer ganzen Generation jugoslawischer Offiziere.

Das tragischste Ereignis in der Geschichte des Oflag VI C war der alliierte Luftangriff auf Osnabrück am 6. Dezember 1944. Dabei wurde auch das Lagergelände getroffen, und eine große Zahl jugoslawischer Gefangener verlor ihr Leben. Für die Überlebenden blieb dieser Angriff eine tiefe Wunde, denn sie waren Kriegsgefangene, Menschen, die nicht an Kampfhandlungen teilnahmen und sich hinter dem Draht befanden. In späteren Deutungen taucht der Gedanke auf, es habe sich um einen tragischen Irrtum, eine falsche Erkennung des Geländes oder ein Versagen der Informationen gehandelt. Ungeachtet der militärischen Erklärungen war die Folge für die Menschen im Lager furchtbar: der Tod von Kameraden, die Zerstörung der Baracken, Angst, Verwundungen und noch härtere Lebensbedingungen. Nach diesem Angriff war das Lager nicht mehr dasselbe. Zerstörte Baracken, der Mangel an Licht, Wasser und Grundversorgung verschlechterten den Alltag der Gefangenen zusätzlich. Die ohnehin schwere Gefangenschaft verwandelte sich in ein noch ungewisseres Überleben. In diesen letzten Kriegsmonaten zeigt sich die ganze Tragik von Menschen, die den Zusammenbruch ihres Staates, Jahre der Gefangenschaft und die Bombardierung überlebt hatten — und dennoch nicht wussten, ob sie die Freiheit erleben würden.

Das Kriegsende kam nicht als einfache Befreiung. Im März 1945, als die Front näher rückte, wurde ein Teil der Gefangenen zur Evakuierung und zu langen Märschen gezwungen. Diese Märsche — unter denen im Buch auch der „Marsch der Generäle“ erwähnt wird — zeigen die letzte Phase des Zerfalls der deutschen Kriegsmaschinerie, aber auch das letzte Drama der jugoslawischen Offiziere in der Gefangenschaft. Ältere Offiziere, kranke, erschöpfte und hungernde Menschen zogen durch Regen, Kälte und das Chaos der letzten Kriegstage. Für viele war es die letzte Kraftprobe. Die Befreiung kam in einer Atmosphäre des völligen Zusammenbruchs. Die deutschen Einheiten zogen sich zurück, die Wachen verloren die Kontrolle, die alliierten Kräfte rückten vor, und die Gefangenen befanden sich zwischen Angst und Hoffnung. Für Bumbaširević und die anderen Überlebenden bedeutete die Begegnung mit den britischen Soldaten das Ende einer langen und qualvollen Zeit. Doch die Freiheit bedeutete nicht das Ende aller Fragen. Viele jugoslawische Offiziere wussten nicht, was sie im neuen Nachkriegsjugoslawien erwartete, in dem die Monarchie verschwunden war und eine neue kommunistische Ordnung die Macht übernommen hatte. So setzte sich ihr Schicksal auch nach dem Krieg fort — oft in der Emigration, in der Stille oder in der Familienerinnerung. Nach dem Krieg führte Bumbaširević sein Leben fern des Landes weiter, aus dem er stammte. Er endete in Chicago, wie so viele andere, deren Biografien durch Krieg, Ideologien und verschobene Grenzen zerstreut wurden. Darin liegt auch die besondere Tragik seiner Lebensgeschichte: Ein Mann, der als Offizier dem König und dem Vaterland den Eid geschworen hatte, der den Aprilzusammenbruch, die deutsche Gefangenschaft und Osnabrück überlebte, verbrachte den letzten Abschnitt seines Lebens als Emigrant in Amerika. Aber gerade dort, in Chicago, entstand sein Zeugnis. Er sprach nicht nur für sich selbst, sondern für eine Generation, die viel zu lange am Rand des historischen Gedächtnisses geblieben war.

Die Rolle von Jean Lambert bei der Bewahrung dieses Zeugnisses ist für mich von außerordentlicher Bedeutung. Er ist nicht nur der Herausgeber des Buches. Er ist jemand, der seinem Onkel die Stimme zurückgegeben hat. Seine Arbeit an den Tonaufnahmen — das Transkribieren, Übersetzen, Prüfen und Edieren — war ein Akt familiärer Treue, aber auch historischer Verantwortung. Aus unserem Kontakt spürte ich, dass die Verbindung zwischen Onkel und Neffe tief und aufrichtig war. Jean Lambert sprach über Bumbaširević nicht wie über einen entfernten Verwandten, sondern wie über einen Menschen, der sein Leben und seine Erinnerung stark geprägt hat. Als er mir das Buch überließ, war das für mich nicht bloß das Geschenk eines Exemplars. Es war ein Akt des Vertrauens. In meine Hände gelangte ein Zeugnis, das einen langen Weg zurückgelegt hatte: von Belgrad und dem Jugoslawien der Kriegszeit über Osnabrück und Chicago bis nach Kanada — und dann wieder zurück zu einer Forschung, die nach Osnabrück als Ort des Gedenkens zurückkehrt. Dieser Kreis hatte für mich eine tiefe Symbolik. Geschichte, wenn sie wahrhaft bewahrt wird, bleibt nicht an einem Ort verschlossen. Sie reist mit Menschen, Familien, Briefen, Büchern und Erinnerungen.

Osnabrück ist heute eine Stadt, in der die Spuren dieses Lagers noch immer gegenwärtig sind. Die Baracke 35, das Gelände des ehemaligen Lagers, die Friedhöfe und Gedenkstätten zeugen von den Menschen, die dort Jahre ihres Lebens verbrachten oder dort ihr Leben verloren. Auf dem Friedhof in Eversburg ruhen viele, die nicht zu ihren Familien zurückkehrten. Einige waren Serben, einige Juden, einige Angehörige anderer Völker des ehemaligen Jugoslawien. Sie alle sind jedoch Teil einer gemeinsamen Geschichte des Leidens und des Gedenkens. Deshalb ist die Geschichte von Vojislav Bumbaširević nicht nur eine Biografie. Sie ist ein Fenster in das Schicksal einer ganzen Generation. Durch sie sehen wir Belgrad am Vorabend der Bombardierung, die jugoslawische Armee im Zusammenbruch, die deutsche Gefangenschaft, Osnabrück als Ort des Lebens hinter dem Draht, die Tragödie der Bombardierung vom 6. Dezember 1944, die letzten Märsche vor Kriegsende und die Nachkriegsemigration. Wir sehen auch, wie ein Neffe, Jean Lambert, Jahrzehnte später die Erinnerung an seinen Onkel bewahrt und sie in ein Buch verwandelt, das uns heute hilft, die Vergangenheit besser zu verstehen. In meiner Forschung nimmt dieses Buch einen besonderen Platz ein, weil es die Archivgeschichte mit dem Familiengedächtnis verbindet. Es bestätigt, dass die Wahrheit über das Lager Oflag VI C nicht allein durch Zahlen, Karten und Militärberichte verstanden werden kann. Wir brauchen auch die Stimmen der Menschen, die dort waren. Wir brauchen Briefe, Erinnerungen, Familiengeschichten und die Zeugnisse der Nachkommen. Ohne sie wäre die Geschichte in Zahlen genauer, aber ärmer an Menschlichkeit.

Dank Jean Lambert ist die Stimme von Vojislav V. Bumbaširević nicht verschwunden. Dank seiner Hingabe ist eine persönliche Geschichte Teil des größeren Gedenkens an die jugoslawischen Offiziere in Osnabrück geworden. Und dank solcher Zeugnisse können wir heute jenen Namen, Gesichter und Schicksale zurückgeben, die zu lange hinter den allgemeinen Begriffen von Krieg, Gefangenschaft und Emigration verborgen blieben. Ich schreibe diesen Text daher nicht nur als historische Notiz, sondern auch als Zeichen der Dankbarkeit. Der Dankbarkeit gegenüber Vojislav Bumbaširević, dass er sein Zeugnis hinterlassen hat. Der Dankbarkeit gegenüber Jean Lambert, dass er es bewahrt, ediert und geteilt hat. Und der Dankbarkeit gegenüber allen Nachkommen, die bereit sind, Familienarchive, Briefe und Erinnerungen zu öffnen, damit die Geschichten ihrer Vorfahren Teil des gemeinsamen Gedächtnisses werden. Denn Osnabrück ist nicht nur ein Ort des Leidens. Es ist auch ein Ort der Begegnung. Ein Ort, an dem sich heute Geschichte und Erinnerung, Serbien und Deutschland, jüdisches und serbisches Schicksal, Nachkommen und Forscher, Vergangenheit und Zukunft begegnen können. In dieser Begegnung liegt der Sinn unserer Arbeit: dass vergessene Geschichten wieder eine Stimme erhalten und die Menschen, die durch das Lager Oflag VI C gingen, ihren würdigen Platz in der Geschichte bekommen. Dr. Željko Dragić, 30. Mai 2026

📄 Originaltext auf Serbisch (PDF)

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