Hüter des serbischen Gedenkens fern der Heimat
Der Forscher und Publizist Dr. Željko Dragić hält sich in den USA auf, wo er seine Mission zur Bewahrung der Erinnerung an die jugoslawischen königlichen Offiziere fortsetzt, die während des Zweiten Weltkriegs in deutschen Lagern umkamen. In Chicago besuchte er die Serbische Nationale Verteidigung (Serbian National Defense Council of America), die 1914 auf Initiative von Mihajlo Pupin gegründet wurde, und sprach mit ihren Mitgliedern Milan Stanojević und Slaviša Stepanović — eine Begegnung mit einem Stück serbischer Geschichte, das seit über einem Jahrhundert fern der Heimat sorgsam bewahrt wird.
Es gibt Orte, die nicht nur der Sitz einer Organisation sind, sondern ein lebendiges Zeugnis der Geschichte eines Volkes. Genau diesen Eindruck hinterlassen die Räume der Serbischen Nationalen Verteidigung in Chicago. Wer ihre Schwelle überschreitet, hat das Gefühl, nicht bloß das Büro eines Vereins betreten zu haben, sondern eine Schatzkammer serbischer Geschichte, Erinnerung und nationaler Identität. Im Rahmen seiner langjährigen Forschung über das Schicksal der serbischen königlichen Offiziere — insbesondere über ihr Leiden im deutschen Lager Oflag VI C in Osnabrück und ihr Leben danach — besuchte Dr. Željko Dragić die Serbische Nationale Verteidigung und sprach mit zwei ihrer Mitglieder, Milan Stanojević und Slaviša Stepanović. Das Gespräch wurde zu weit mehr als einem Interview: Es wurde zu einer Begegnung mit einem Teil der serbischen Geschichte, der seit mehr als einem Jahrhundert fern der Heimat sorgsam gehütet wird.
Die Serbische Nationale Verteidigung wurde 1914 in Chicago gegründet, in einer Zeit, als Serbien die schwersten Schlachten des Ersten Weltkriegs schlug. Auf Initiative des großen serbischen Wissenschaftlers Mihajlo Pupin und mit der Unterstützung zahlreicher angesehener Serben in Amerika — unter ihnen Nikola Tesla — entstand eine Organisation, deren Aufgabe es war, Serbien zu helfen, die serbischen Auswanderer zu sammeln und den nationalen Geist fern der Heimat zu bewahren. In über einem Jahrhundert ihres Bestehens wurde sie zu einer der wichtigsten Säulen der serbischen Gemeinschaft in Amerika: Sie half Serbien in den schwersten Zeiten, organisierte Freiwillige, pflegte serbische Kultur und Tradition und war für viele Generationen von Auswanderern ein zweites Zuhause.

Was jeden Besucher besonders begeistert, ist das reiche Archivgut, das die Organisation bewahrt. An den Wänden hängen Fotografien der Gründer, unter ihnen Mihajlo Pupin und Nikola Tesla, zahlreiche historische Aufnahmen der serbischen Emigration, Originaldokumente, Fahnen, alte Mitgliedsbücher, Auszeichnungen, Orden und Publikationen, die von über einem Jahrhundert Arbeit zeugen. Besondere Aufmerksamkeit ziehen die Fotografien und Dokumente auf sich, die General Dragoljub Draža Mihailović gewidmet sind, ebenso der reiche Bestand der Zeitschrift „Sloboda“ („Freiheit“), die seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Stimmen der serbischen Diaspora in Amerika gehört. Man könnte Tage, ja einen ganzen Monat in diesen Räumen verbringen, Fotografien durchsehen und alte Zeitungen und Dokumente lesen — jede Fotografie ist ein Stück Geschichte, bewahrt von Menschen, die verstanden haben, wie wichtig das Erinnern ist.

Eines der jüngsten aktiven Mitglieder der Serbischen Nationalen Verteidigung ist Milan Stanojević, geboren am 8. August 1997 in Šabac und aufgewachsen in Bogatić, im Herzen der Region Mačva. Obwohl er kein Historiker von Beruf ist, ist die Geschichte seine große Liebe: Schon als Junge lauschte er den Erzählungen seiner Großeltern über den Zweiten Weltkrieg, was in ihm den Wunsch weckte, die Schicksale der Menschen aus seiner Gegend zu erforschen. 2018 war er als Flugschüler im Rahmen eines Studentenaustauschs in Washington und arbeitete beim Amerikanischen Roten Kreuz. Heute beteiligt er sich aktiv an der Arbeit der Serbischen Nationalen Verteidigung und bemüht sich, die Geschichte den jüngeren Generationen näherzubringen. Er erforscht die Schicksale serbischer Auswanderer und arbeitet an dem Buch „Die Mačvaner fern der Heimat“, das die Lebensgeschichten zahlreicher Menschen aus der Mačva festhalten wird, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Leben in aller Welt fortsetzten.
Slaviša Stepanović wurde am 13. Mai 1955 in Reljovica bei Požarevac geboren. Als Zwölfjähriger kam er nach Amerika; seit 1980 ist er Mitglied der Serbischen Nationalen Verteidigung und heute deren Buchhalter. Im Gespräch teilte er eine Familiengeschichte, die eng mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs verbunden ist: Sein Großvater Borislav Stepanović war in einem deutschen Kriegsgefangenenlager interniert und wanderte nach der Befreiung in die Vereinigten Staaten aus. Solche persönlichen Schicksale zeigen, wie wichtig die Serbische Nationale Verteidigung für die Generationen von Serben war, die nach dem Krieg fern ihrer Heimat ein neues Leben begannen.

Für Dr. Dragić hatte dieser Besuch eine besondere Bedeutung. Seit fast zehn Jahren erforscht er das Schicksal der serbischen königlichen Offiziere, die während des Zweiten Weltkriegs im deutschen Lager Oflag VI C in Osnabrück interniert waren. In den Gesprächen bei der Serbischen Nationalen Verteidigung erhielt er eine weitere Bestätigung dafür, dass viele Offiziere, die nach 1945 aus den deutschen Lagern nach Amerika kamen, Mitglieder eben dieser Organisation wurden. Diese Erkenntnis ist ein weiteres wichtiges Glied seiner Forschung: Sie zeigt, dass die Lebensgeschichten der serbischen Offiziere nicht mit der Befreiung aus den Lagern endeten. Im Gegenteil — viele setzten gerade durch die Serbische Nationale Verteidigung ihren Kampf fort, diesmal für die Bewahrung der historischen Wahrheit, der nationalen Identität und des Zusammenhalts des serbischen Volkes in der Diaspora.
Heute zählt die Serbische Nationale Verteidigung rund 500 aktive Mitglieder und gibt weiterhin ihre Zeitschrift „Sloboda“ heraus, die seit Jahrzehnten das Leben der serbischen Gemeinschaft in Amerika dokumentiert. Ihr größter Wert liegt jedoch nicht in der Zahl der Mitglieder — er liegt in dem Archiv, das Generationen von Serben geduldig aufgebaut haben: in Fotografien, Dokumenten, alten Büchern, Briefen und Zeugnissen, die ohne solche Menschen und solche Organisationen vielleicht für immer verschwunden wären. Tausende Kilometer von Serbien entfernt, im Herzen Chicagos, werden seit über einem Jahrhundert Fotografien, Dokumente, Bücher und Erinnerungen bewahrt, die vom Leiden, vom Kampf und vom Überleben des serbischen Volkes zeugen. Deshalb ist die Serbische Nationale Verteidigung nicht nur eine Organisation — sie ist die Hüterin des kollektiven Gedächtnisses des serbischen Volkes in Amerika. Wie Dr. Dragić schließt: Ein Volk, das seine Erinnerung bewahrt, bewahrt auch seine Zukunft. Quelle: RTS — Dijaspora, 26. Juni 2026, von Dr. Željko Dragić: https://www.rts.rs/rts/dijaspora/vesti/5982202/cuvari-srpskog-pamcenja-daleko-od-otadzbine.html














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